Schneeglöckchen

Wenn auch die Sonne nicht aufgeh‘n würde
über deine Unglückseligkeit,
doch bist du eins edelster Juwele,
blühst weiter ohne Ach und Weh,
in den Bergen hin, mit Schnee
und Nebel bedeckt,
wo frohe Botschaft von euch
Tausenden versteckt.

Wie entschlossen du bist, du Schneeglöckchen!
Welch ein Lächeln von dir gegenüber Eismeeren …
In bitt‘rer Sehnsucht nach Maienzeit,
jedoch nicht vom Schnee verhindert.
Da naht eine Liebe, ähnlich wie Ferhat’s*
Berge versetzend…

Ausschau haltend nach Lenzen
Du bist – o, Schneeglöckchen –
wie ein heil‘ger Aufstand.
Wüsste dies nur der Winter!
Und würde sich entzieh‘n bloß jeder,
der deine Liebe und Eifer gewahrt,
jeder Verzweiflung für immer…

Welch eine Herrlichkeit unter weißer Decke!
Beides ineinander, Düster und Helle,
Emsige Ameisen, gestreute Samen.
Aus „eins“ gehen Tausende hervor
in tiefer Stimme von Mutter Natur.
Wer weiß wo –
und welchem Schnee im Nacken?

Fürwahr Geschick für dich
zu bekämpfen Finsternis und Schnee…
O Schneeglöckchen, das du dich
sehnst nach Sonnenglanz.
Sei nicht verschämt und weine…
Auf dass schmelzen Berge aus Eis.
Vergieße Tränen wie Ceyhun**
aus deinem Herzens Brunnen.
Los, flute!, s’ist Zeit zum Fluten nun,
so dass auf der Brust der frischen Blütezeit
tausende Blumen erblühen
bei Lichte von Kienspan, von dir angebrannt…

Es ist eine beglückende Reise,
zum farbenprächtigen und ruhigen
Hochland am Horizont
und zu der Ebene der Wonne hin,
wo wimmelt‘s von Düften ohnegleichen.

Wie schad‘! O Schneeglöckchen!
Wieder Schnee und Gewitter da drüben.
Wahr ist Weiß und Schwarz, wahr Wärm‘ und Kält‘;
Unveränderliches Gesetz hienieden,
bis du wirst von Neuem belebt…

                              Muhammet Mertek

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* In der Liebeslegende geht es um einen unsterblich verliebten Ferhat, der als Beweis seiner Liebe zu Schirin sogar im wahrsten Sinne des Wortes ganze Berge abtrug. Doch kurz vor dem Ende der Probe stirbt seine Verehrte und er in seiner unendlichen Liebe mit ihr.

** Ein Fluss in der Türkei

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